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Der traurige Prinz

Wie ein trauriger Prinz, dem niemand helfen konnte, auf einer Waldlichtung eine kluge Katze traf. (Ein Märchen aus Indien):

        Ein junger Prinz, der Sohn eines wohlhabenden Maharadschas, wurde einst von großer Unruhe befallen. Diese Unruhe wollte sich nicht legen; sie hielt an und wurde immer größer und größer. Der besorgte Maharadscha ließ Ärzte aus allen Teilen des Landes an seinen Hof kommen.
        Sie untersuchten den Prinzen, maßen seine Temperatur, nahmen ihm Blut ab, ließen ihn Freiübungen machen. Was immer sie taten oder anordneten - nichts half dem Prinzen. Seine Unruhe blieb - sie steigerte sich noch bis zum Übelsein. Er verließ seine Gemächer nicht mehr und wurde trübsinniger und trübsinniger.
        Als der Vater schon alle Ärzte des Landes um Rat gefragt hatte und keiner der Gelehrten mehr eine Idee hatte, da ging eines Tages am Palast ein Yogi vorüber, ein Weiser.
        Der Maharadscha bat den Yogi in den Palast und sagte: "Weiser Mann. Ich weiß keinen Rat mehr. Mein Sohn ist krank. Kein Arzt des Landes kann ihm helfen. Und meine Tage sind überschattet vom Unglück meines Sohnes. Ich flehe dich an, hilf uns mit Deiner Weisheit."
        Der Yogi, ein bescheidener, alter Mann, bat den Maharadscha, den Prinzen sehen zu dürfen. Er wurde sofort in die Gemächer des jungen Mannes geführt. Lange und nachdenklich sah er den Prinzen an. Dann berührte er zart die Stirn des jungen Mannes und sagte: "Möchtest du wieder ganz gesund werden? Ist es dein Wunsch und dein Wille?" Der junge Prinz nickte schwach.
        Da sagte der Yogi: "Dann gehe hinaus und lerne zu meditieren. Versenke dich in dich selbst und lerne, indem du dich kennenlernst, den Weg zu deinem Inneren zu finden, zu dem Geist, der dich beseelt." Aber wie kann ich das Meditieren lernen?" fragte der Prinz. "Lerne, dich so tief in dich zu versenken, daß jede Ablenkung von dir weicht", sagte der Yogi. "Aha", sagte der Prinz. "Das will ich gern versuchen."
        Da verabschiedete sich der Yogi vom Prinzen und vom Maharadscha. Der Prinz aber stand auf von dem Krankenbett seiner Trübsal und verließ zum ersten Mal seit Monaten sein abgedunkeltes Gemach. Er ging durch den Garten, er betrachtete die Blumen, sah zu den Vögeln am Himmel auf. Er versuchte sehr, sich in sich selbst zu versenken, aber immer flog ein Schmetterling daher, dem er nachblickte. Da war er wieder abgelenkt. Dann versuchte er es wieder. Da flog ein Kolibri zu einer Blüte und lenkte ihn ab, eine Echse huschte unter einen Stein und lenkte ihn ab, eine Hummel summte und lenkte ihn ab. Es mochte und mochte dem Prinzen nicht gelingen, sich in sich selbst zu versenken und sich dabei nicht ablenken zu lassen.
        Er verließ den Palast, um bei den Tieren Rat zu suchen. Er traf eine Schlange und fragte: "Kannst du mir sagen, wie ich das Meditieren lerne?" "Ach was" sagte die Schlange. "Ich bin viel zu beschäftigt, mir einen schattigen Platz zu suchen." Er traf eine Ameise und fragte: "Kannst du mir sagen, wie ich das Meditieren lerne?" "Keine Zeit, keine Zeit", sagte die Ameise. "Sehr beschäftigt, sehr beschäftigt!" Sie eilte davon. Der Prinz traf eine Horde kleiner Äffchen aber sie waren viel zu verspielt, um ihm überhaupt zuzuhören. Der Prinz traf einen Elefanten, der versprach, darüber nachzudenken. Es sei eine interessante Frage. Dann stapfte er weiter.
        Welche Tiere der Prinz auch immer traf, keines wußte eine Antwort. Und so machte er sich auf den Heimweg, verzweifelt darüber, daß ihm niemand sagte, wie er das Meditieren lernen könne. Auf dem Wege lag ein Stein. Weil er sehr wütend war, holte er mit dem Bein aus und gab dem Stein einen mächtigen Stoß. Im hohen Bogen flog der Stein davon und landete an einem Baumstumpf am Rande der Lichtung. Als der wütende Prinz dem Stein nachblickte, sah er auf dem Baumstumpf eine weiße Katze sitzen. Sie hatte beide Vorderbeine zusammengelegt und ihren Schwanz um den Körper gelegt, so daß die Schwanzspitze grade sie Vorderpfoten bedeckte. Sie hatte die Augen geschlossen und schnurrte in der Abendsonne.
        "Verzeih', wenn ich dich störe, Katze", sagte der Prinz. "Aber was machst du denn da?" Die Katze öffnete ein Auge halb, blickte versunken den Prinzen an und sagte: "Ich meditiere." "Du meditierst", sagte der Prinz. "Katze, oh sage mir, wie machst du das? Ich versuche immerfort zu meditieren aber es will mir nicht gelingen und niemand konnte mir bisher eine Antwort darauf geben."
        Die Katze sprang vom Baumstumpf und sagte: "Merke dir, was ich tue." Sie streckte sich voller Genuß ihre Vorderpfoten aus und bewegte die Krallen der ausgestreckten Pfoten. Dann stellte sie sich auf die Vorderpfoten und streckte die Hinterpfoten langsam und voller Genuß. Dann stellte sie Vorder- und Hinterpfoten zusammen und machte einen so krummen Buckel, daß es eine wahre Wonne war. Sie gähnte, groß und herzhaft. Dann warf sie sich auf den Rücken, streckte die Pfoten nach oben und rieb sich den Rücken auf dem Boden. Dabei warf sie den Kopf von links nach rechts und von rechts nach links und fegte mit dem Schwanz den Boden. Dann setzte sie sich vor den Prinzen und sagte: "Siehst du, so beginne ich zu meditieren. Indem ich alle meine Muskeln anspanne und entspanne, gähne und auf den Rücken werfe, einen Buckel mache oder meine Krallen aus- und einziehe, verschaffe ich mir ein Wohlbehagen, so daß kein körperliches Unbehagen mir mehr die Zeit nimmt, mich zu versenken."
        "Danke Katze", sagte der Prinz. "Das will ich auch gleich versuchen." Und er streckte sich, wie die Katze, gähnte, wie die  Katze, legte sich auf den Rücken, wie die Katze - allmählich wurde ihm so wohl, daß er entspannt die Augen schloß. Und zum ersten Mal in seinem bisher so traurigen Leben konnte er richtig meditieren.
        Die Katze lobte ihn, indem sie ihren Kopf an seinem Knie rieb und dabei wohlig schnurrte. Und sie zeigte ihm noch, wie sie sich setzte, eine Hinterpfote kerzengrade aufrichtete und sie putzte. Und sie zeigte ihm alles, was ihr Wohlbehagen bereitete und sie schnurren machte.
        Der Prinz tat alles, was die Katze tat. So wurde er von seinem Trübsinn geheilt. Weil er so viel gelernt hatte, ging er hinaus in die Welt und lehrte andere Menschen, was ihn die Katze auf der Waldlichtung gelehrt hatte.